Hexenprozesse in Altheim
(In memoriam Anna Schröck + 1581 und Anna Grammer + 1613)


 
Sammelhinrichtung mehrerer Hexen durch Verbrennung (Wickiana, Ende 16. Jahrhundert)
 
Die Hexenprozesse am Beginn der Neuzeit zählen zu den größten, nicht kriegsbedingten Massenvernichtungen von Menschen durch Menschen. Allein in der Stadt Horb a.N. wurden zwischen 1558 und 1671 in insgesamt 125 Fällen Ermittlungen wegen des Verdachts der Hexerei angestellt. Zu den 100 Beklagten, deren Prozesse zur Exekution geführt haben, zählten auch 4 Frauen aus dem Spitalort Altheim. Zwei der durch Folter erzwungenen Geständnisse haben sich im Stadtarchiv Horb erhalten.
Im Jahr 1581 wurde Anna Schröck zusammen mit zwei anderen Frauen aus Altheim der Hexerei bezichtigt, nachdem eine Überschwemmungskatastrophe am 15. Mai 1578 in Horb großen Schaden angerichtet und eine neue Prozeßkette ausgelöst hatte.
Im Juni 1613 war es wiederum ein verheerender Hagelsturm, der nach einer prozeßfreien Phase von 8 Jahren zur Verurteilung von Anna Grammer geführt hat.
Anna Schröck und Anna Grammer wurden auf dem Galgenfeld in Horb (heute Stadtteil Hohenberg) hingerichtet und verbrannt.
 
Mit eine der Hauptursachen, die zur Hexenverfolgung geführt hatten, war der Glaube an die Wirksamkeit von Magie, der bis ins 18. Jahrhundert zu den selbstverständlichen Überzeugungen aller Teile der westeuropäischen Gesellschaften gehörte. Die Ausübung von Magie, um die Zukunft zu erfahren, zu heilen oder gute Ernteerträge zu erzielen, war für die meisten Menschen Teil des Alltags. In der Vorstellungswelt des Spätmittelalters wandelte sich aber der Zauberer zum Mitglied einer kriminellen Bande, in der der Teufel als Anstifter und Helfer auftrat. Die Zugehörigkeit zu einer ketzerischen, den Teufel verehrenden Sekte wurde zu einem neuen Verbrechen: Die Hexerei. Sie bestand nach der Hexentheorie der Dämonologen (z.B. Jacob Sprenger u. Heinrich Krämer: Malleus maleficarum [Hexenhammer], 1487) aus 5 Elementen, die an den beiden nachfolgenden Altheimer Hexenprotokollen exemplarisch dargestellt sind.
 
"Urgicht und Bekanntnuß" der Anna Schröckin von Altheim
Verhör vom 29.07. bis 04.08.1581

Der böß Geist saye zu Ir in das Bett komen, sie angemuetet mit Ir Gemeinschaft zu haben, volgends begert sich Gottes zu verleugnen, das sie gethan.
Er hab sich greßlin genennt, seye Ir etwan hüpsch, etwan gar heßlich erschin, braun bekleiet gewesen.
Sie hab Peter Wehelins Kneblin in des beßen Geists Namen Kuchen geben, darvon es geßen und hernach gestorben.
Sie seye in Davidt Kreidlers Stall komen, ein Roß in deß bößen Gaists Namen angriffen, welches hernach auch gestorben.
Sie hab Hans Fritz ein Roß alls man es uß dem Stall gezogen, in des Beßen Geists Namen angeblasen, seye bei der Schüren gestanden und dasselbig abgangen.
Item sie hab dem Scheffenacker auch allso ein Roß angeblasen, welches auch gestorben.
Sie hab sonst zwo Gespilen, seyen uf ein Zeit uf ainer Wisen zwischen Altheim und Metstetten zusamen komen mit Iren Buolen gedanzet und gezecht, hab er Inen ein Hafen geben und befohlen umbzuschüten, daraus ein Reiff worden.
Daß ungefähr bey fünfzehn Jare der böß Geist zu Ir uf dem Veld komen, sie angesprochen, ob er mit Ir geen solle, sie Ime geantwurt, köndte wol allein geen.
Darauf er Ir geantwurt, wolle bald wider zu Ir komen. Über etlich Tag sie wider hinausgezogen, er Ir abermal begegnet, sie angesprochen seines Willens zu pflegen, welches sie gethan und sich hernach Gottes verleugnen müeßen. Hette sich Laiblin genennet, were in schöner Gestalt Ir erschinen, ein praun Leiblin an, einen roten Huot und ein weiß Feder darauf, ein wenig schwarzlechten Barth. Hab Ir Gellt in Seckel geschütt und alls sie solches besichtigen wöllen, seye es Kutter gewesen.
Der böß Geist were vil und oftermalen zu Ir in Ir Behausung und uf dem Veld komen, sie angewisen Leut zu verfüeren, Menschen und Vieh Schaden zu thun wa sie köndte, in seinem Namen anzublasen.
Sie hette uß Eingebung des bößen Geists ein arm Bettelmedlin zu Altheim in des bößen Geists Namen angriffen, welches hernach zu Mettstetten gestorben.
Sie und obgemellte Ire zwo Gespilen weren zweymal in ainem Helzlin bey Biltechingen zusamen komen, mit Iren Buelen gedanzet, gessen und gedruncken, der böß Geist sie angewisen Leuth und Vieh Schaden zu thun, auch Inen Hefelin geben umbzuschütten, darvon ein Gewelck ufgestigen und ein Hagelwetter, allso daß die Habern daselbsten herumgeschlagen worden.
Sonsten were sie auch auf dem Howberg bey Salzstetten zusamen komen, auch Hefelin umgeschüt, daraus ein Wetter worden und Schaden gethan. Sie hette under der Herd von Talheim im Veld ein Kuo in des bößen Geists Namen angriffen, darvon sie gestorben.
Gleichfalls under der Altheimer Herd ein Kalbin und Kitzlin angriffen, daran sie gestorben.
Wann sie bey Nacht ußgefaren, seye sie uf einer Gabel in des bößen Geists Namen geseßen, welcher ein sonder Salben darzu geben und allso darauf dahin gefaren und widerkomen.

Anna Schröckhin besagte drei weitere Frauen als Mittäterinnen:
Die Witwe des Steffel Deitlinger aus Salzstetten, die Frau des Hans Wach und die Schenzin

 
"Urgicht und Bekhantnus" der Anna Grammerin von Altheim
Verhör vom 27.06.1613

Sagt ungevahr bei 15 Jahren, als sie dem Rebhenslin zue Rexingen gehauset und sich gegen Irem ersten Mann Caspar Cleger von Althaim ehelich versprochen und vor der Hochzeit in gemelts Rebhenslins Haus seines willens gepflogen, seien sie beede uf ein Zeit zue Horb gewesen, seie sie heim uff Rexingen hinaus und er Caspar Althaim zuegangen, sie vermaint volge Ir nach, da seie der böß Gaist uf dem weeg in seiner Gestalt in der Rexinger Weingaßen zue Ir khomen, begert soll seines willens pflegen, das sie gethon und nicht gewüst, das es nit Ir Mann gewesen bis nach verrichter Sachen, weil er kalter Natur gewesen, damahlen gesagt, wöll bald wider zue Ir khomen, seie der böße Geist, haiß Gräßlin.
Ungevahr uff 2 oder 3 Wochen darnach seie er der Böß ins Rebhenslins Haus im stall wider zue Ir khomen, seines Willens mit Ir verricht, darnach Ir zuegemutet, sol sich Gottes und seiner Heiligen verleugnen, das sie gethon.
Nach Irer Hochzeit, so bald darnach geschehen, seie der Böß zue Althaim in Irem stall zue Ir kommen und seines Willens mit Ir gethon, aber sonsten nichts weitersverricht.
Vor zwaien Jaren seie sie im Früeling neben anderen mer an ainem Nachmittag an der Halden bey dem vogelherd gewesen, haben damalhen geeßen, getrunckhen, gsprungen und dantzet, Wein und Fleisch gehabt, wisse nit woher es khomen, seien silberin Becher da gewesen, aber weder Brot noch Saltz, haben ein Sackhpfeiffer gehabt.
Auch vor ungevahr 2 Jahren seie sie in der Northalden im Holtz gewesen, Ir Buel der Böß zue Ir kommen und gesagt, solle mit Im gehen zum Dantz, so im Wald gewesen, das sie gethon, seien Ire Gespülen, so vormahls bei dem Vogelherdt gewesen, auch dabei gewesen, damalen nur dantzet, ain Sackhpfeifer gehabt, haben ein Hafen zuegericht, darein Ir Unzucht und Harnwasser gethon, selbiges umbgeriert. Darauf hab des Gassenmüllers Weib von Altheim den Hafen umbgeschütt, daraus ein Regen worden.
Am Samstag Medardi als sich große Hagelwetter begeben, seie der Böß Ir Buel in Irem Haus zue Ir khomen, sie haißen uf die Laiben gehen, mit einem Schwenckreiß und Irer Hand in seinem Namen uf dem Boden herumb führen, werde ein groß Wetter daraus, das sie uf sein haißen gethon. Darüber das groß Wetter ervolgt. Ihr Buel Ir gesagt, die Hagelstein seien am selbigen Vormittag schon geköchet gewesen durch andere, so uf der Halden wie man Horb zugeet, gewesen, gekhocht worden, aber sie seie damahlen nit dabei gewesen.

Anna Grammerin hatte 4 Besagungen gegen noch lebende Personen geäußert, deren Namen allerdings angestrichen oder eingeklammert worden sind.


Literatur:
Ortschaftsverwaltung Altheim, 1200 Jahre Altheim, Horb 1991
Johannes Dillinger, Hexenprozesse in Horb, Veröffentlichungen des Kultur- und Museumsvereins Horb a.N. e.V., Folge 11, Horb 1994